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Boris Nad – Dalmatien

Ein literarischer Beitrag von Boris Nad
Aus dem Englischen übersetzt von Ruedi Strese
Die Berge waren kahl oder mit nur sehr spärlicher Vegetation, und sie wurde sogar noch geringer, als wir uns der See näherten. Nach dem Süden und nach dem Westen waren die Berge in der unbeschreiblichen Kargheit der Landschaft zu bloßen Skeletten reduziert, den Skeletten von Karstfelsen, welche der Erde ermangelten.
Genauso waren die menschlichen Siedlungen: die dortigen Dörfer sind nur bescheidene Weiler, die aus wenigen zehn verstreuten Häusern bestehen. Auf einem verwilderten Pfad sahen wir den Bauern, neben dem faul ein gesattelter Esel trottete. Doch mehr als durch diese Szene wurde uns die Nähe des Mittelmeeres durch eine mysteriöse Veränderung der Luft angezeigt, in welcher, unter dem Duft aromatischer Kräuter, mit jeder Sekunde ein winziger, hartnäckiger Hauch von Meer klarer hervortrat. Wir haben die Berge des Balkan mit ihren dichten Wäldern, variskisch getarnt, weit hinter uns gelassen. Vor uns öffneten sich kleine Täler voll roter Erde, deren Bild in der Hitze des Sommers flimmerte. Wir sollten nur eine letzte Hürde überwinden, auf die nackten Hügel klettern und unsere Augen würden die klare, blaue adriatische See berühren.
Dies war der Limes, eine Grenze, dauerhafter als jene von den alten Römern errichtete. Wir waren im Niemandsland, welches zwei Welten trennte, das Land vom schmalen Küstengebiet, den Kontinent vom Mittelmeer. Das Königreich der Olive vom Imperium des Eichenbaums. Es war damals diese Grenze, welche immer noch nahezu mit den ethnischen Grenzen zusammenfiel und die zwei Nationen getrennt hat, die Serben von den Kroaten. Auch verlief die Grenze zwischen den zwei Kulturen: zwei verschiedenen und vielleicht unversöhnlichen Erfahrungen der Welt: die erste wurde in Stein ausgedrückt, den Herrlichkeiten der Kathedralen zustrebend, und die andere, anscheinend bescheidener, mehr selbstbezogen, zielte in die Tiefe, und ihre Tempel waren erstaunlich klein und zur Gänze aus Holz gebaut.
Die erste ist die Kultur, deren Element die See ist und die andere jene, welche auf dem Land wächst. Nun ist von der zweiten ein Abfall leicht möglich, vielleicht aufgrund der Tatsache, daß eine Zivilisation der See das „Gedächtnis des Blutes“ nicht berücksichtigt: zum Beispiel die Serben von Dubrownik; das Meer umarmend und damit eine neue Religion, vergessen sie sehr schnell ihre Ursprünge und ihren Glauben. Der Unterschied wird noch klarer, wenn wir den Klängen der Lieder Dalmatiens lauschen – melancholischer Musik der Inseln und Küsten – und der serbischen heroischen Dichtung, welche zur Begleitung der Gusla gesungen wird.
Wir leben derzeit in einer Ära der Vorherrschaft der See. Leicht bewegen sich nun die alten und anerkannten Grenzen. Doch solltest du deshalb jemals an der enormen und beständigen, lebensspendenden Kraft des Landes zweifeln?
Unser Autor:
Der serbische Schriftsteller und Publizist Boris Nad wurde 1966 in Vinkovci, Slawonien, geboren. Er studierte in Zagreb und Belgrad und schloß das Studium an der Universität Belgrad ab. Er hat mehrere Bücher mit Dichtung, Prosa sowie zu philosophischen und geopolitischen Themen veröffentlicht, außerdem zahlreiche Essays und Artikel in verschiedenen Zeitschriften.

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